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Hanns-Josef Ortheil - Ombra

Hanns-Josef Ortheil gelingt in seinem wohl persönlichsten Buch „Ombra“ das Kunststück, ein existentielles Thema auf leichte Art, und dennoch mit Tiefgang, zu erzählen.

Nach einer mehrstündigen Herz-OP mit Komplikationen fällt Ortheil 2019 ins Koma. Nach seinem Erwachen ist nichts mehr so wie vorher. Sein über Jahrzehnte praktiziertes, fast manisches Schreiben ist nicht mehr möglich. Er ist körperlich so schwach – selbst einen Stift zu führen, fällt ihm schwer – und durch das Erleben der Todesnähe so verunsichert, dass der Gedanke „es könnte mir wieder etwas passieren“ selbst die kleinsten Unternehmungen erschwert.

Der autobiografische Roman beginnt mit dem Einstieg in eine ambulante Reha-Maßnahme, in der Ortheil zum ersten Mal in seinem Leben mit Therabändern, Walkingstöcken, Qigong-Stunden, psychologischen Gesprächen und Ähnlichem konfrontiert wird und diese „Begegnungen“ fast slapstickartig beschreibt. Neben diesen Bemühungen um Körper und Psyche reflektiert er sein Leben, was ihn immer wieder in seine belastete Kindheit zurückführt und zum Beginn seiner Schreibtätigkeit. In geisterhaften Heimsuchungen nehmen seine (toten) Eltern während seiner Genesungszeit Kontakt zu ihm auf, unterhalten sich mit ihm, geben ihm Ratschläge. Schritt für Schritt fasst Ortheil in seinem „neuen“ Leben Fuß, nimmt alte Kontakte wieder auf und macht Pläne für die Zukunft.

„Ombra“, was unter anderem mit Schatten, Zweifel, Finsternis oder Schutz übersetzt werden kann, ist der „Roman einer Wiedergeburt“ und war für mich ein interessantes und kurzweiliges Lesevergnügen, das der „Wiedergeburt“ des heute siebzigjährigen Autors Hanns-Josef Ortheil zu verdanken ist!

 

Kerstin Gier - Vergiss mein nicht

Es gibt Nachschub für Fans der Edelstein-Trilogie. Wer Rubinrot liebt, wird auch dieses Buch verschlingen. Mit „Vergissmeinnicht“ schafft Kerstin Gier eine neue fantastische Welt in der Humor und Romantik natürlich nicht fehlen. Das Ende des Buchs lässt einen gespannt dem nächsten Teil entgegenfiebern.

Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt. Auf der einen Seite ist Quinn: cool, smart und beliebt. Und dann ist da noch Matilda mit der Vorliebe für Fantasyromane. Matilda ist definitiv nicht Quinns Typ. Entstammt sie doch der verhassten Nachbarsfamilie. Doch als Quinn eines Nachts von gruseligen Wesen verfolgt und schwer verletzt wird, sieht er Dinge, die nicht von dieser Welt sein können. Nur – wem kann man sich anvertrauen, wenn Statuen plötzlich in schlechten Reimen sprechen und Skelettschädel einem vertraulich zugrinsen? Am besten dem Mädchen von gegenüber, das einem total egal ist. Dass er und Matilda in ein magisches Abenteuer voller Gefahren katapultiert werden, war von Quinn so allerdings nicht geplant. Und noch viel weniger, sich unsterblich zu verlieben…

Kathleen Winter - Sein Name war Annabel

Labrador, Kanada 1968 – in einem abgelegenen Dorf, wo es seit jeher zur Tradition gehört, dass Männer jagen und fischen, während die Frauen das Haus hüten, bringt Jacinta ihr erstes Kind zur Welt. Dass dieses Kind nicht eindeutig Mädchen oder Junge ist, da es beide Geschlechtsmerkmale aufweist, bleibt zunächst das Geheimnis der Mutter und ihrer Freundin Thomasina. Sie sehen in dem Kind etwas Besonderes und würden es am liebsten so aufwachsen lassen, wie es geboren wurde. Doch als der misstrauisch gewordene Vater die Wahrheit erfährt, trifft er eine folgenschwere Entscheidung: das Kind erhält den Namen Wayne und soll zu einem richtigen Mann erzogen werden. Niemand soll erfahren, dass in Wayne zwei Persönlichkeiten heranwachsen, die weiblichen Merkmale werden durch Medikamente und später sogar operativ unterdrückt.

Bereits im Kindesalter spürt Wayne, dass er anders ist. Seiner Rolle als Sohn wird er nie gerecht. Die Ursachen dafür werden verschwiegen, die Medikamente muss er wegen einer angeblichen Blutkrankheit schlucken. Jacinta hadert von Anfang an mit der Entscheidung ihres Mannes und sieht immer öfter die weibliche Seite ihres Kindes. Doch sie kann den Mut nicht aufbringen, sich für „Annabel“, wie sie und ihre Freundin Thomasina Wayne heimlich nennen, einzusetzen. Selbst als Waynes Gesundheit auf dem Spiel steht, erfährt er nichts über die wahren Gründe für sein Leid.

Dieses Verschweigen und Verdrängen, diese Sprachlosigkeit zieht sich durch die gesamte Geschichte und löste beim Lesen unterschiedliche Emotionen in mir aus: von Entsetzen über Verzweiflung und Mitleid bis hin zu einer unbändigen Wut. Begriffe wie Intergeschlechtlichkeit und Selbstbestimmung sind allen Beteiligten fremd. Anstatt sich mit dem Thema auseinanderzusetzen ergibt sich Jacinta ihrem Schicksal und fällt in eine tiefe Depression während ihr Ehemann Treadway die meiste Zeit in der Wildnis beim Fallenstellen verbringt. Hilflos vertrauen sie auf die fragwürdige Meinung von Ärzten.

Erst als der junge Erwachsene Wayne sein Zuhause verlässt, erfährt er die ganze Wahrheit über sich und trifft eine Entscheidung…

Der Roman ist einerseits emotional fesselnd und intensiv, andererseits aber auch etwas zäh, an manchen Stellen sehr vorhersehbar und nicht immer überzeugend. Einige Handlungsstränge werden nicht zu Ende erzählt, der Schluss ist abrupt und viele Fragen bleiben offen. Häufig werden nur Waynes Äußerlichkeiten beschrieben. Ich hätte mir mehr über seine Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und seine Gefühle den Eltern gegenüber gewünscht. Die angebliche Selbstbefruchtung und das Heranwachsen eines Fötus in Waynes Körper erscheint mir völlig abstrus und unglaubwürdig. Darauf hätte die Autorin besser verzichten sollen.

Edgar Selge - Hast du uns endlich gefunden

Fesselnd, faszinierend berührend – mit diesen Adjektiven möchte ich das schriftstellerische Debüt des Schauspielers Edgar Selge („Polizeiruf 110“) beschreiben.

In dem autobiografischen Roman „Hast du uns endlich gefunden“, wird aus der Perspektive eines Jungen namens Edgar die Welt der 60er Jahre beschrieben. Sein Vater, Gefängnisdirektor einer Jugendstrafanstalt, wäre lieber Pianist geworden und organisiert Hauskonzerte für die Gefängnisinsassen und Freunde. Seine Mutter, ebenfalls Musikliebhaberin und Geigerin, wird auf die ungeliebte Rolle der Hausfrau festgelegt und darf bei diesen Gelegenheiten lediglich die Noten umblättern und belegte Brote servieren. Edgar beobachtet mit der Aufmerksamkeit eines sensiblen und phantasiebegabten Jungen die Menschen um sich herum – seine Eltern, die älteren Brüder, die jugendlichen Straftäter, die Wachleute und deren Familien. Geprägt von nationalsozialistischen Ideen, Flucht, Schicksalsschlägen oder auch verdrängten Schuldgefühlen, versuchen diese Menschen ihr Leben auf den Trümmern ihrer alten Überzeugungen und Träume zu leben. Edgar, der sich als einsamer Zuschauer eher am Rande der Geschehnisse bewegt, wird nur beachtet, wenn er negativ auffällt – seine Lateinvokabeln nicht kann, Geld stiehlt, sich nachts davonschleicht, um einen seiner geliebten Kinofilme anzuschauen. Die demütigenden Ohrfeigen und Schläge, die er dann bekommt, verursachen in ihm eine große Ambivalenz gegenüber diesem geliebten, aber gewalttätigen Vater. Hin und wieder kommt dann noch der erwachsene Edgar zu Wort, der seinem kranken Bruder beisteht oder den Eltern im Traum begegnet.

Eher skeptisch gegenüber schriftstellerischen Versuchen von Schauspielern, hat mich Edgar Selge wirklich überzeugt und ich hoffe, dass weitere Bücher von ihm erscheinen werden!